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Interviews, vidéos et articles invitésPublié le 7 janvier 2026

Bedrohte Schweiz: «Es wäre ein Trugschluss, wenn wir uns wegen unserer Eigenständigkeit in Sicherheit wiegen würden»

Im Interview mit der «Neue Zürcher Zeitung NZZ» spricht Markus Mäder, Staatssekretär für Sicherheitspolitik, über die erste Sicherheitspolitische Strategie der Schweiz, welche jüngst vom Bundesrat veröffentlicht wurde. Mäder erläutert, wie die Schweiz in Zukunft den sicherheitspolitischen Herausforderungen begegnen will und warum es dafür einen «umfassenden» Ansatz braucht.

Ombre d'un drone sur une trace de pneu

20.12.2025 | Interview: NZZ, Selina Berner und Lukas Mäder

Die Aufgabe von Markus Mäder ist gross. Er soll als Staatssekretär für Sicherheitspolitik die Schweiz für die Konflikte des 21. Jahrhunderts aufstellen. Der Ansatz dafür ist eine «umfassende Sicherheit», die weit über eine rein militärische Verteidigung des Landes hinausgeht. Die Gesellschaft soll resilienter werden, die Wirtschaft unabhängiger. 

Wie die Bedrohungslage der Schweiz aussieht und mit welchen Massnahmen das Land besser geschützt werden soll, steht in der ersten sicherheitspolitischen Strategie, die der Bundesrat vor einer Woche publiziert hat. Das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik SEPOS hat die Strategie erarbeitet und soll auch die Umsetzung begleiten. Mäder wird damit zum Kopf der «umfassenden Sicherheit» der Schweiz.

Herr Mäder, was ist das Wichtigste an der neuen sicherheitspolitischen Strategie?

Markus Mäder: Dass es eine Strategie ist und nicht wie in den letzten dreissig Jahren nur ein Bericht.

Was heisst das konkret?

Wir haben den Anspruch, mit den über vierzig Massnahmen eine Wirkung zu erzielen. Und wir wollen damit unterstreichen, dass es in der Sicherheitspolitik der Schweiz einen Handlungsdruck gibt und auch eine gewisse Dringlichkeit.

Sie schreiben, Russland sei eine Bedrohung für Europa und für die Schweiz. Befinden wir uns nicht bereits in einem Konflikt mit Moskau?

Nicht in einem klassischen Sinn. Eine klare Trennlinie zwischen Krieg und Frieden existiert kaum mehr. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine markiert eine sicherheitspolitische Zäsur für Europa. Das hat direkte Auswirkungen auf die Schweiz.

Sie nennen in der Strategie deutlich Russland als Gefahr für unsere Sicherheit. Ist das für ein neutrales Land nicht heikel?

Wir wollen bewusst aufzeigen, wer die Sicherheit Europas bedroht. Das ist vielleicht ein bisschen ausgeprägter als in früheren Berichten. Nüchtern betrachtet ist klar, dass Russland die Einflusssphären der Sowjetzeit wiederherstellen will. Das kann es nur erreichen, wenn es Europa insgesamt schwächt. Wir sehen, wie Russland massiv aufrüstet und auf Kriegswirtschaft umgestellt hat. Es gibt Hinweise, dass mehr Rüstungsgüter produziert werden, als derzeit in der Ukraine zum Einsatz kommen. Damit entsteht militärisches Potenzial für weitere Angriffe.

Es gibt in der Schweiz bereits Desinformationskampagnen, wir haben regelmässig Cyberangriffe, die Spionagetätigkeit ist intensiv.

Andere Länder spüren die hybriden Angriffe stark, etwa durch Drohnenflüge, Sabotageakte oder Grenzverletzungen durch Soldaten und Jets. In der Schweiz gibt es weniger verdeckte Aktionen. Oder täuscht der Eindruck?

Wir stehen nicht im Hauptfokus, das ist richtig. Wir sind nicht in der gleichen geografischen und historischen Lage wie Polen, das Baltikum oder die skandinavischen Länder. Gleichzeitig haben wir auch schon verschiedene hybride Aktivitäten in der Schweiz festgestellt. Die Schwierigkeit dabei ist, aufzuzeigen, dass wirklich ein staatlicher Akteur dahinterstand. Entsprechend zurückhaltend ist die Schweiz bei der öffentlichen Zuordnung von Aktionen zu einem Staat.

Sie meinen zum Beispiel verdächtige Drohnenüberflüge über Militäranlagen?

Viele Sachen wissen wir nicht und müssen Annahmen treffen. Über Vermutungen äussern wir uns nicht öffentlich. Was wir sagen können: Es gibt in der Schweiz bereits Desinformationskampagnen, wir haben regelmässig Cyberangriffe, die Spionagetätigkeit ist intensiv. Diese Aktivitäten lassen sich jedoch schwer quantifizieren und können oft nicht eindeutig einem Urheber zugeordnet werden. Das ist die grosse Herausforderung von hybrider Konfliktführung: Wir spüren einen Aggressor nicht eindeutig, weil er so lange wie möglich versucht, verdeckt zu agieren.

Die Schweiz könnte weniger zurückhaltend sein, wenn es darum geht, den Staat hinter einem konkreten Angriff klar zu benennen. Wäre das nicht eine mögliche Abschreckung?

Möglicherweise, aber das erfordert konkrete Anhaltspunkte und ist eine politische Abwägung. Es ist nicht auszuschliessen, dass bei einer weiteren Intensivierung der hybriden Konfliktführung eine öffentliche Zuordnung Thema sein kann.

Sie sind Historiker. Sehen Sie im heutigen Konflikt Parallelen zu früheren Epochen der Schweizer Geschichte?

Ja, die gibt es, auch wenn sich Geschichte nie eins zu eins wiederholt. Die Frage, ab wann auf eine Bedrohung reagiert werden muss, stellte sich der Schweiz immer wieder. Im Vergleich zum europäischen Umfeld dauerte es oft lange, bis sie reagierte und schliesslich ein Ruck durch das Land ging.

Sehen Sie einen solchen Ruck heute?

Ansatzweise, aber noch nicht in dem Ausmass, das nötig wäre. Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist bei uns das Gefühl von Dringlichkeit kleiner. Teile der Bevölkerung gehen weiterhin davon aus, dass uns die Bedrohungslage in Europa nicht direkt betrifft oder dass uns die Neutralität Schutz bietet.

Die hybride Konfliktführung stellt uns vor neue Herausforderungen. Indem wir dieses Thema in der Strategie ausdrücklich benennen, senden wir ein Signal an unsere potenziellen Partner.

Wir sind Mitglied weder der Nato noch der EU. Bewahrt uns das nicht vor hybriden Aktionen Russlands?

Ich spekuliere ungern. Insgesamt wäre es ein Trugschluss, wenn wir uns wegen unserer Eigenständigkeit in Sicherheit wiegen würden. Wir haben zudem wegen unserer engen wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen auch ein grosses Interesse, dass unser Umfeld stabil und sicher bleibt. Deswegen müssen wir als neutraler Staat einen Beitrag zur europäischen Sicherheit leisten und uns überlegen, wie im Ernstfall die Zusammenarbeit funktionieren würde.

Bei einem militärischen Angriff ist klar, wann der Ernstfall eintritt. Wie ist es in der Grauzone zwischen Krieg und Frieden?

In der sicherheitspolitischen Strategie haben wir versucht, genau diesen Punkt aufzugreifen. Denn diese Frage ist für die Schweiz als neutrales Land zentral. Das Neutralitätsrecht kommt bei einem bewaffneten Angriff auf die Schweiz nicht zur Anwendung. Dann ist die Schweiz frei, sich gemeinsam mit anderen Staaten zu verteidigen. Wir haben deshalb Anhaltspunkte definiert, wie man erkennen kann, dass der Angriffsfall eintritt. Es bleibt ein Entscheid der politischen Behörden, ob sich die Schweiz gemeinsam mit Partnern verteidigen soll.

Welche Anhaltspunkte könnten das denn konkret sein?

Wenn die Schweiz grossen Schaden erleidet und ihre Lebensgrundlagen bedroht sind. Entscheidend ist weniger, welche Mittel ein Aggressor wählt, als vor allem das Ausmass des verursachten Schadens, etwa durch verdeckte Operationen gegen kritische Infrastrukturen. Es handelt sich um Anhaltspunkte, nicht um konkrete Kriterien, weil die Umstände jeweils berücksichtigt werden müssen.

Das ist ein Paradigmenwechsel, wenn die Schweiz bereits bei hybriden Angriffen das Ende der Neutralität erklären kann.

Ja, wenn der Schaden für die Schweiz entsprechend gross ist. Die hybride Konfliktführung stellt uns vor neue Herausforderungen. Indem wir dieses Thema in der Strategie ausdrücklich benennen, senden wir ein Signal an unsere potenziellen Partner.

Welches? Dass diese im Ernstfall auf die Schweiz zählen könnten?

Genau. Aber auch hier gilt wieder, dass die Politik entscheidet.

Gemäss der Strategie soll die Schweizer Armee das Land so lange wie möglich eigenständig verteidigen können. Das ist heute und auf absehbare Zeit allerdings nicht realistisch. Warum schreiben Sie es trotzdem in die Strategie?

Die Strategie formuliert ein Ziel, das so rasch wie möglich erreicht werden soll. Die Armee muss ausreichend ausgerüstet und alimentiert sein, um zumindest eine gewisse Durchhaltefähigkeit zu haben. Wir starten nicht bei null. In gewissen Bereichen ist die Armee gut aufgestellt, zum Beispiel erweist sich unser Milizsystem im Cyberbereich als Vorteil. Kritische Fähigkeitslücken – beispielsweise bei der bodengestützten Luftverteidigung – müssen wir aber so rasch als möglich schliessen.

Die freie Meinungsäusserung gehört zu den höchsten Gütern der Schweiz. [...] Das macht die Bekämpfung von Desinformation auch so anspruchsvoll.

Der Bundesrat will erst in drei Jahren eine erste Bilanz darüberziehen, wie gut die Massnahmen der Strategie umgesetzt werden. Gleichzeitig spricht die Strategie davon, dass Russland ab 2028 den Krieg ausweiten könnte. Ist die Schweiz da nicht zu spät?

Was 2028 passiert, wissen wir nicht. Nachrichtendienste und Sicherheitspolitiker nennen dieses Jahr immer wieder, allerdings im Konjunktiv. Wir sagen in der Strategie deshalb auch, dass es dringenden Handlungsbedarf gibt. Bei einem bewaffneten Angriff hängt es vom konkreten Szenario ab, ob wir ihn eigenständig abwehren können oder nur in Kooperation. Wir müssen  anerkennen, dass es Situationen und Bedrohungen gibt, die wir nicht eigenständig bewältigen können.

Die Strategie will auch Desinformation bekämpfen. Greift der Bund damit nicht in die Meinungsfreiheit seiner Bürgerinnen und Bürger ein?

Nein. Es gilt, klar zu sagen: Die freie Meinungsäusserung gehört zu den höchsten Gütern der Schweiz. Dazu gehört auch das Recht, zu lügen und Lügen zu verbreiten. Das macht die Bekämpfung von Desinformation auch so anspruchsvoll. Unser Ziel ist es, zu erkennen, wenn ein staatlicher Akteur mit böswilliger Absicht unsere politischen Prozesse zu stören versucht. Solche  Aktivitäten müssen wir identifizieren und klar benennen.

Auch die Lehrpläne wollen Sie überprüfen. Weshalb?

Zuständig dafür ist nicht unser Bereich oder das Verteidigungsdepartement, sondern das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, mit den Kantonen. Ziel ist es, die Medienkompetenz zu stärken. Eine Gesellschaft kann bösartiger Desinformation besser begegnen, wenn Menschen Inhalte kritisch hinterfragen, insbesondere in sozialen Netzwerken, und verschiedene Quellen konsultieren.

Eine Gesellschaft kann bösartiger Desinformation besser begegnen, wenn Menschen Inhalte kritisch hinterfragen, insbesondere in sozialen Netzwerken, und verschiedene Quellen konsultieren.

Im Kalten Krieg gab es die Zentralstelle für Gesamtverteidigung im Militärdepartement. Sie sprechen nun aber in der Strategie nicht mehr von Gesamtverteidigung. Warum? Der Begriff würde doch klarmachen, worum es geht.

Die Gesamtverteidigung war ein schlüssiges Konzept für ihre Zeit. Sie hatte jedoch eine eindimensionale und stark nach innen gerichtete Logik: Man hat vorbereitet, was dann im Kriegsfall der militärischen Führung unterstellt worden wäre. Wir haben Elemente dieses Ansatzes übernommen und weiterentwickelt. Heute ist jedoch davon auszugehen, dass die Schweiz bereits vor einem offenen bewaffneten Konflikt mit verdeckten Angriffen konfrontiert wäre, lange bevor ein Oberbefehlshaber gewählt würde. Wir hatten intensive Diskussionen und kamen dann zu dem Schluss, dass der Begriff historisch besetzt ist. Wir schreiben deshalb vom Konzept der «umfassenden Sicherheit», wie es etwa auch Finnland hat.

An der Erarbeitung der Strategie waren alle Departemente, die Bundeskanzlei sowie Vertreter der Kantone beteiligt. Wie schwierig war der Prozess?

Er war anspruchsvoll, aber nötig. Es nützt ja nichts, eine Strategie zu schreiben, die dann von den Ämtern nicht mitgetragen wird. Unser Ziel war es, eine breite Akzeptanz für die Umsetzung zu schaffen. Denn es sind verschiedene Stellen, welche die über vierzig Massnahmen umsetzen müssen.

Für die Umsetzung gibt es jetzt Teilstrategien und interdepartementale Arbeitsgruppen. Das klingt enorm bürokratisch.

Das entspricht dem schweizerischen Regierungs- und Verwaltungssystem. Wir haben keine zentralisierte Führung wie andere Länder. Das hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil ist die grössere Resilienz, weil wir keine zentrale Stelle haben, die der Gegner angreifen könnte.

Unser Ziel ist es, zu erkennen, wenn ein staatlicher Akteur mit böswilliger Absicht unsere politischen Prozesse zu stören versucht.

Sie vom Staatssekretariat für Sicherheitspolitik steuern die Umsetzung. Wie geht das? Sie haben keine Weisungsbefugnisse.

Wir brauchen keine formelle Weisungsbefugnis. Wir müssen die sicherheitspolitischen Argumente erarbeiten und auf die politische Ebene tragen. Dort wird dann entschieden.

Im Parlament hätten sich einige Politikerinnen und Politiker gewünscht, dass die Strategie ein Preisschild erhält. Warum findet sich zur Finanzierung nichts?

Das war nicht der Anspruch der Strategie. Angesichts der parlamentarischen Budgetprozesse wäre es unmöglich gewesen, konkrete Beträge zu benennen. Das Parlament legt die Mittel jährlich fest. Die Strategie liefert die sicherheitspolitischen Grundlagen für diese Debatten.

Das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik wurde vor zwei Jahren im Verteidigungsdepartement geschaffen. Damals gab es Zweifel an der Notwendigkeit. Haben Sie sich mit dieser Strategie selbst eine Daseinsberechtigung geschaffen?

Nein. Die Strategie ist ein wichtiges Projekt, aber die Aufgaben des Sepos haben sich seit seiner Schaffung nicht verändert. Es gab damals kritische Begleitgeräusche, und ich habe mich beim Amtsantritt gefragt, ob ich mich laufend für das Staatssekretariat rechtfertigen müsste. Das Gegenteil war der Fall: Das Interesse an sicherheitspolitischen Fragen war gross. Viele Personen  gerade im Parlament waren froh, dass es beim Bund eine Stelle zu dem Thema mit entsprechender institutioneller Flughöhe gab.

Und wir wollen [mit der sicherheitspolitischen Strategie] unterstreichen, dass es in der Sicherheitspolitik der Schweiz einen Handlungsdruck gibt und auch eine gewisse Dringlichkeit.

Der erste Staatssekretär für Sicherheitspolitik
Markus Mäder leitet das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik SEPOS seit dessen Gründung Anfang 2024. Er ist promovierter Historiker und Milizoffizier im Rang eines Brigadiers. Bevor er Staatssekretär wurde, war er Chef Internationale Beziehungen Verteidigung und unter anderem für den Austausch udn die Zusammenarbeit mit ausländischen Streitkräften verantwortlich. Mäder war zudem von 2011 bis 2015 als Verteidigungsattaché in Pakistan, Afghanistan und Iran.

Hier geht's zum Interview auf der Webseite der NZZ

La stratégie en matière de politique de sécurité 2026

En raison de la détérioration de la situation sécuritaire, le Conseil fédéral redéfinit la politique de sécurité de la Suisse pour les prochaines années. À cet effet, une stratégie en matière de politique de sécurité a été élaborée sous la houlette du Secrétariat d'État à la politique de sécurité (SEPOS). Elle intègre tous les moyens de la Confédération et des cantons. Renforcer la résilience, améliorer la protection, accroître la capacité de défense – tels sont les trois grands axes avec lesquels le Conseil fédéral entend faire face à la menace qui s’est aggravée. Lors de sa séance du 12 décembre 2025, le Conseil fédéral a mis en consultation la stratégie de la Suisse en matière de politique de sécurité et chargé les départements de commencer sa mise en œuvre.

Plus d'informations:

Dossier: stratégie en matière de politique de sécurité